PAS-Coaching für entfremdete Eltern, deutschlandweit

Donnerstag, 3. Dezember 2020

Was ist Eltern-Kind-Entfremdung (Parental Alienation [Syndrome])?

Was ist PAS?

PAS steht für Parental Alienation Syndrome, zu Deutsch: Eltern-Kind-Entfremdung. Ein Phänomen, das viele getrennte Eltern bei ihren Kindern erleben, die überwiegend vom anderen Elternteil betreut werden. 

Von PAS sprechen wir, wenn das Kind einen Elternteil (in der Regel den betreuenden Elternteil, unabhängig davon, ob es sich um den Vater oder die Mutter handelt) uneingeschränkt bevorzugt und sein/ihr Verhalten bis ins Absurde glorifiziert und verteidigt (selbst, wenn seitens dieses Elternteils Schädigung des Kindeswohls, offensichtliche Misshandlungen oder Vernachlässigungen vorliegen). Auf den anderen Elternteil wird mit Hass, Wutausbrüchen, Panik und häufig auch vollständiger Ablehnung reagiert.
Aussagen wie "Ich wünschte, du wärst tot, dann hätte ich meine Ruhe", "Du bist ein Dreckskerl/Drecksstück!", "Du bist gar nicht mein Vater/meine Mutter" sind nur einige Beispiele für Aussagen, die auf PAS hindeuten können. 

Oft klingen diese Sätze wie nachgesprochen, sie werden selbst von Kleinkindern in der Erwachsenensprache formuliert. Insbesondere die Beleidigungen klingen erwachsen - und das sind sie in der Regel auch, denn die Kinder wiederholen damit nur die Aussagen, die sie vom betreuenden Elternteil hören oder im Umfeld des betreuenden Elternteils wahrnehmen.

PAS wurde vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte als eine Form der seelischen Misshandlung anerkannt und stellt eine Gefährdung und Schädigung des Kindeswohls dar, die mit unabsehbaren Langzeitfolgen für die psychische Verfassung des Kindes in der Zukunft einhergeht. PAS muss und soll deshalb genauso ernst genommen werden, wie alle anderen Formen der Kindeswohlgefährdung.

Die Leidtragenden des PAS sind in erster Linie die Kinder. Doch auch viele betroffene (nicht betreuende) Elternteile leiden stark unter der Entfremdung ihrer Kinder und können als Folge seelische/emotionale  Beschwerden  ausbilden. Dieser Entwicklung gilt es entgegenzuwirken - auch an diese Elternteile richtet sich mein Sprechstundenangebot.

Entstehung und Auswirkung auf das Kind.

PAS entsteht, wenn ein Kind  vom betreuenden Elternteil (unabhängig davon, ob es sich um Mutter oder Vater handelt) bewusst oder unterbewusst, verbal oder nonverbal in einen starken Loyalitätskonflikt getrieben wird. Der betreuende Elternteil steuert die Vorgänge aktiv und/oder passiv, indem es z. B. den Umgang mit dem anderen Elternteil sabotiert oder gar boykottiert und/oder widersprüchliche Botschaften an das Kind versendet, um das Kind zu manipulieren, damit es sich "ganz von selbst" gegen den anderen Elternteil auflehnt.
Diese Botschaften können durch Worte aber auch allein durch den Tonfall, die Körperhaltung, die Mimik, Gestik oder das übrige Verhalten des Elternteils vermittelt werden. Wenn ein Elternteil beispielsweise sagt: "Viel Spaß beim Mama/Papa" - doch dabei mit Tränen in den Augen zur Seite schaut oder schluchzend das Kind kramphaft an sich drückt - handelt es sich um eine typische Doppelbotschaft (sog. Double Bind). Diese dient dazu, das Kind zu manipulieren und in ihm Schuldgefühle hervorzurufen. Die wahre Botschaft dahinter ist: "Ich sage zwar: Viel Spaß, aber du siehst ja selbst, wie traurig und einsam ich bin. Wenn du mich liebst, dann gehst du nicht". 
Insgesamt gibt es nach aktuellen Erkenntnisen 17 Entfremdungsstrategien, die detailliert von der Entwicklungspsychologin Dr. Amy Baker beschrieben wurden.

Botschaften dieser Art können gezielt und bewusst aber auch unterbewusst gesendet werden - dabei kommt es in der Regel auf die psychische Verfassung des manipulierenden Elternteils an. So oder so hinterlassen diese doppelten Botschaften eine tiefe Verunsicherung und Schuldgefühle beim betroffenen Kind und richten seelische Schäden an, die  nicht nur im Hier und Jetzt verheerend sein können, sondern  auch in der Zukunft eine Auswirkung auf das Verhalten des späteren Erwachsenen haben können. Zum Beispiel kann dies die Art beeinflussen, wie und mit wem das erwachsene Kind seine (Liebes-)Beziehungen eingeht, wie es Liebe definiert, und wie es den zwischenmenschlichen Umgang im Laufe seines Lebens gestaltet.

Der PAS-Check.

Dr. Walter Andritzky beschreibt in seinem Artikel im Deutschen Ärzteblatt (Ausgabe Februar 2003, Seite 81), folgende, einfach erkennbare PAS-Symptome im Verhalten des Kindes und des manipulierenden Elternteils: 

"- Es werden Meinungen und wörtliche Formulierungen vom betreuenden Elternteil übernommen, die dessen Haltung zum anderen charakterisieren. Das Gesagte wird in nicht kindgerechter Sprache („Er hat einen Machtkomplex.“) und gekünstelter Stimmlage vorgebracht. Es werden neue Ablehnungsgründe „hinzuerfunden“, das Kind wirkt beim Gespräch motorisch unruhig und gespannt.   
- Nicht nur der andere Elternteil, sondern dessen gesamtes soziales und familiäres Umfeld wird in die Ablehnung miteinbezogen, zum Beispiel früher geliebte Großeltern und Freunde.
- Das Kind „spaltet“: Der betreuende Elternteil ist nur „gut“, der andere nur „schlecht“, die natürliche Ambivalenz fehlt. Das Kind ergreift reflexhaft für den Betreuer Partei.
- Das Kind betont auffällig, dass alles, was es sage, sein eigener Wille sei („Ich will das.“). 

Wenn der Entfremdungsprozess fortgeschritten und sich der betreuende Elternteil sicher ist, dass das Kind keinen Wunsch nach Kontakt zum anderen mehr äußert, betont er oft: „Ich wäre der/die Letzte, die etwas gegen Besuche hat, aber das Kind will nicht.“
Ein weiteres Indiz für ein Entfremdungssyndrom ist, dass der betreuende Elternteil den anderen abwertet und den Gesprächspartner in eine Allianz gegen diesen einzubinden versucht. Gleichzeitig werden Diskurs und Vermittlungsbemühungen, die seine Person und Rolle im Trennungsprozess betreffen, jedoch ablehnt.
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"Weil du mir gehörst!" - Manipulation als elterliche Überlebensstrategie.

Bei Elternteilen, die sich manipulativ verhalten, kann eine durch den Trennungsprozess aktivierte Borderline-Problematik vorliegen, die auch mit weiteren psychischen Komorbiditäten verbunden sein kann (z. B. mit der Bulimie) und ihren Ursprung häufig in der Kindheit dieser Personen hat. Viele manipulierende Eltern haben in ihrer eigenen Kindheit  selbst traumatische Ereignisse erlebt: süchtige/psychisch erkrankte Eltern, sexuellen Missbrauch, Vernachlässigung, Gewalt etc. Die Trennung vom Partner/in im Hier und Jetzt lässt die Vergangenheit und die kindlichen Traumata aufleben. Der Elternteil fühlt sich überfordert mit der gegenwärtigen Situation und mit seiner/ihrer nicht aufgearbeiteten Vergangenheit.

Das eigene Kind wird in diesem Moment überlebenswichtig, es wird als eine Art Partnerersatz betrachtet, als Halt, als einziger noch kontrollierbarer Bestandteil des Lebens. Jeder Kontakt des Kindes zum anderen Elternteil ist mit Verlustängsten verbunden. Der Umgang wird deshalb erschwert oder abgesagt. Dem Kind wird durch diverse verbale und nonverbale Entfremdungsstrategien ein negatives Bild des anderen Elternteils vermittelt. Damit wird ein intensiver Loyalitätskonflikt gefördert, dessen Zweck ist, das Kind stärker an den betreuenden Elternteil zu binden, um es als Trostpflaster gegen die eigene Unsicherheit und die Verlustängste zu instrumentalisieren. Es kommt auch durchaus vor, dass sich auch weitere Personen aus diesem Umfeld - zum Beispiel die Großeltern des Kindes - aktiv an der Manipulation beteiligen. Dies passiert zum einen aus "Solidarität" der eigenen Tochter oder dem eigenen Sohn gegenüber, zum anderen jedoch häufig, um von den vergangenen oder aktuellen Misständen innerhalb der Herkunftsfamilie abzulenken. Das manipulierte Kind wird auch von den Großeltern oder anderen Familienmitgliedern instrumentalisiert, um die Konfrontation mit  der eigenen Problematik zu vermeiden.

Das PAS-fördernde Verhalten der manipulierenden Elternteile verstärkt sich in vielen Fällen dann, wenn der andere Elternteil eine neue (glückliche!) Beziehung eingeht oder gar heiratet. Die Verstärkung der Manipulation  manifestiert sich dabei häufig unabhängig davon, ob der manipulierende Elternteil selbst in einer (neuen oder bereits vorhandenen) Beziehung/Ehe lebt.  Oft fühlen sich diese Elternteile auch in ihren Beziehungen oder Familienkostellationen einsam bzw.  allein gelassen und sehen keine Möglichkeiten oder Auswege, ihr Verhalten zu ändern.

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Lesetipps:

Andritzky, W.: Verhaltensmuster und Persönlichkeitsstruktur entfremdender Eltern: Psychosoziale Diagnostik und Orientierungskriterien für Interventionen.   Psychotherapie in Psychiatrie, Psychotherapeutischer   Medizin und Klinischer Psychologie 2002; 7: 166–182.

Andritzky, W.: Zur Problematik kinderärztlicher Atteste  bei Umgangs- und Sorgerechtsstreitigkeiten. Mit  Ergebnissen einer Befragung. Kinder- und Jugendarzt   2002; 33: 885–889.

Baker, A  LJ & Sauber, R.S.(2013). Working with Alienated Children and Families — A Clinical Guidebook. New York: Routledge

Boch-Galhau, Gardner (2010): Das elterliche Entfremdungssyndrom (Parental Alienation Syndrome /PAS): Anregungen für gerichtliche Sorge- und Umgangsregelungen. Eine empirische Untersuchung.

Boch-Galhau (2012): Parental Alienation und Parental Alienation Syndrom/Disorder: eine ernst zu nehmende Form von psychischer Kindesmisshandlung – mit Fallbeispielen.

Clawar SS, Rivlin BV: Children Held Hostage: Dealing  with Programmed and Brainwashed Children. Chicago: American Bar Association 1991.

Fthenakis, W: Kindliche Reaktionen auf Trennung und   Scheidung. Familiendynamik 1995; 20: 127–154.

Gardner R: Family Threapy of the Moderate Type of   Parental Alienation Syndrome. American Journal of    Family Therapy 1999; 27: 195–212.

Gardner R: The Parental Alienation Syndrome – A Guide für Mental Health and Legal Professionals. New York: Creative Therapeutics 1998.

Gast/Wirtz (2016): Dissoziative Identitätsstörung bei Erwachsenen

Hövel (2003): Liebe Mama, böser Papa. Eltern-Kind-Entfremdung nach Trennung und Scheidung: Das PAS-Syndrom.

Klenner W: Rituale der Umgangsvereitelung bei getrenntlebenden oder geschiedenen Eltern. Fam RZ 1995; 42: 1529–1535

Kodjoe U., Koeppel P: Früherkennung von PAS – Möglichkeiten psychologischer und rechtlicher Interventionen. KindPrax 1998; 5: 138–144.

Kunkel G: Die Beziehungsdynamik im Familienrechtskonflikt. Untersuchung der Streitmuster bei strittiger  elterlicher Sorge- und Umgangsregelung. Eberhard-  Karls-Universität Tübingen 1997, Dissertation.

Lack-Hammersfahr (2019): Psychologische Gutachten im Familienrecht: Handbuch für die rechtliche und psychologische Praxis.

Rösel M. (2011): Mit zerbrochenen Flügeln: Kinder in Borderline-Beziehungen.

Vestal A: Mediation an Parental Alienation Syndrome. Considerations for an Intervention Model. Family and Conciliation Courts Review 1999; 37: 487–503.

Walsh M, Bone J: Parental Alienation Syndrome: an   Age Old Custody Problem. Florida Bar Journal 1997;    6: 93–96

 Warshak RA: Remarriage as a trigger of parental alienation syndrome. The American Journal of Family Therapy 2000; 28: 229–241.

"Weil du mir gehörst" (2020)  FFP New Media GmbH im Auftrag des SWR für Das Erste

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